| Jehovas Zeugen |
Ist die Wachtturm-Gesellschaft lediglich Anbieter religiösen Schriftgutes,
unterscheidet sie sich nicht grundsätzlich von anderen Verlagen, die
christliche Bücher, Zeitschriften, Traktate, Fotokalender und alle
möglichen Artikel anbieten. Tatsächlich jedoch hat sei einen
ganz anderen Status. Sie ist nicht ein, sie ist für Zeugen Jehovas
der Anbieter religiöser Schriften, Organ der Klasse der "gesalbten
Christen" (zu denen die allermeisten der ZJ nicht gehören). Die Verknüpfung
eines Verlagsgroßunternehmens dieser Dimension mit einer religiösen
Gemeinschaft dürfte weltweit einmalig sein. Einmalig sind auch die
Vorteile, die daraus entstehen:
Extrem günstige Herstellungsbedingungen
Die Mitarbeiter in der Produktion, im "Bethel", wie es bei den Zeugen
Jehovas heißt, sollen sich als "ordensähnliche Gemeinschaft"
verstehen. D.h. sie arbeiten für Kost, Logis und ein Taschengeld,
weil sie es als Teil ihrer Religionsausübung verstehen, "die Literatur"
zu drucken (und das Bethel in gutem Zustand zu halten).
Extrem günstige Vertriebsbedingungen
Weltweit sind Zeugen Jehovas im Einsatz, um die Literatur dieses einen
Verlages an den Mann und die Frau zu bringen. Selbstverständlich tun
sie dies kostenlos. Nicht nur, daß Menschen ihre Freizeit dafür
aufwenden, es gibt darüber hinaus auch "Pioniere" und "Sonderpioniere",
die vollzeitlich "in Dienst stehen". Ihr Streben nach Einsatz für
Gott und das Weitergeben von Literatur der Wachtturm-Gesellschaft wird
untrennbar verknüpft. Sie ist das Medium, das Zeugen Jehovas verwenden
und zu verwenden haben. Auch bei den kostenlosen "Heimbibelstudien" wird
nicht etwa die Bibel direkt, sondern lediglich anhand von WT-Literatur
studiert. Mit anderen Worten, der Glaubenseinsatz
der Zeugen Jehovas wird für das Vertriebswerk der Wachtturm-Gesellschaft
funktionalisiert.
Ausgeprägte Kontrollhierarchie
Was von der "leitenden Körperschaft" kommt, ist für Zeugen
Jehovas die Stimme des "treuen und verständigen Sklaven", einer Instanz,
die Jehova selbst eingesetzt hat, um sein Volk in dieser Zeit zu leiten.
Zwar darf sich dieser "Sklave" - im Prinzip - auch mal irren, jedoch wird
ausdrücklich davor gewarnt, "unabhängig zu denken". Lehränderungen
sind als "neues Licht, das Jehova gegeben hat", immer unproblematisch anzubringen,
und man soll es nicht besser wissen als "der Sklave zu seiner Zeit." Man
ist schon "in der Wahrheit" - braucht sie also nicht eigens zu suchen.
Die Bibel ist so zu verstehen, wie es von dieser bibelerklärenden
Literatur vorgegeben wird, und nicht anders. Abweichende Ansichten sind
bestenfalls Privatsache, wenn jemand damit an die Öffentlichkeit geht,
hat er ein Problem. Damit ist die Religion der Zeugen
Jehovas letztlich nicht von Gott und dem Wort Gottes, sondern von der Literatur
eines Verlages abhängig.
Bis hinauf zur leitenden Körperschaft gibt es etliche Kontrollinstanzen, die auf die Einhaltung der korrekten Linie achten: Die Ältesten, die Kreisaufseher, die Bezirksaufseher, die "Zweigbüros", Zonenaufseher. Was bei anderen religiösen Publikationen noch unter "Leserbriefspalte" durchgehen mag, ist bei den Zeugen Jehovas verbindliche Anfrage zu tiefen Glaubens- und Lebensangelegenheiten, die von Mitarbeitern in der Verlagshierarchie verbindlich beantwortet werden. Die Konsequenzen gehen soweit, daß jemand für abweichende Ansichten ausgeschlossen werden kann und ihm - unbiblischerweise - die Vernichtung in Harmagedon bevorstehen soll. Gleichzeitig wird er von den Kontakten zu anderen Angehörigen und Freunden in der Gemeinschaft abgeschnitten.Auch hier wieder verhindert die Vermischung mit der religiösen Überzeugung die Erkenntnis, daß man eigentlich für ein Verlagswesen arbeitet: Es ist Arbeit für Jehova, die Menschen auf der Linie der WT-Gesellschaft zu halten. Biblisch ist all dies nicht, weder die Drohung mit Harmagedon, noch sich von jemandem abzuwenden, der - mit der möglichen Ausnahme gravierender Irrlehren - in bestimmten Punkten andere Ansichten vertritt (Römer 8:1, Römer 14, Apostelgeschichte 15:7).
Weltweite Expansion
Was als kleine Traktatgesellschaft in den USA begonnen hat, ist heute
ein Verlagsgroßunternehmen mit spektakulären Gebäudekomplexen
in vielen Teilen der Erde.
Die Auflagenstärke war dabei in der ganzen Zeit gesichert, mußte die Literatur doch vorher höchstselbst am Literaturstand erworben werden. Nicht abgesetzte Literatur durfte nicht etwa verkauft, sondern mußte verschenkt werden. Selbst nie Zeuge Jehovas geworden, könnte ich mir aber vorstellen, daß da auch psychologische Mechanismen gewirkt haben, etwa, daß sich jemand schämt, zu wenig Literatur abzunehmen oder sein Kontingent zu reduzieren. In einigen Büchern von Ehemaligen wird auch derartiges angedeutet.
Seit einigen Jahren nun erfolgt die Abgabe der Literatur kostenlos. "Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es auch", dieser Bibelvers wird als Begründung herangezogen. So ganz ohne Kosten dürfte es dennoch nicht abgehen. Das Wachtturm-Verlagswerk trägt sich nunmehr aus Spenden. Geht man davon aus, daß die Spendenflüsse von außerhalb der Zeugen Jehovas und ihrer unmittelbaren Sympathisanten nicht gerade reichlich fließen, dürfte die finanzielle Last heute zu einem Löwenanteil indirekt von den Zeugen Jehovas selbst getragen werden. Während prinzipiell nichts dagegen einzuwenden ist, daß ein Christ sich auch mit seinem Geld für das Reich Gottes einsetzt, steht man auch hier wieder vor der Situation, daß die Wachtturm-Gesellschaft bei alledem die Alleinbegünstigte ist.
Nüchtern betrachtet ist die Bibel die Grundlage, an der sich alle
Sekundärliteratur messen lassen muß. Auch und gerade die Literatur
des Wachtturmverlages. Einige tiefgehende Kritikpunkte an ihrem Lehrverständnis
stelle ich auf diesen Seiten vor. Der Anspruch, alleiniger Anbieter der
"Wahrheit" zu sein, muß biblischerseits zurückgewiesen werden.
"Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand
kommt zum Vater außer durch mich", sagt Jesus in Johannes 14:6. "In
der Wahrheit" ist also biblisch gesehen nur der, der "in Christus"
ist. "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte
ist vergangen, siehe, Neues ist geworden." (2. Korinther 5:20) Sein Christsein
kann er in Verantwortung vor seinem Herrn und in Gemeinschaft mit anderen
Christen leben. auch wenn er auf den Rat von "geistlichen Autoritäten",
gestandenen Christen, die einen größeren Teil Weg hinter sich
gebracht haben, durchaus hören und annehmen mag: Er
wird nicht darauf angewiesen sein, sich das richtige Bibelverständnis
von einem Verlag vorschreiben zu lassen.
Die WT-Gesellschaft hat dabei eine derartige Identifikation mit ihren Produkten erreicht, daß ihre "Vertreter" sie für absolut unverzichtbar halten und sie mit großem Eifer an der Straße und an der Haustür anbieten und mit Interessierten Studien abhalten, die aufgrund dieser Produkte stattfinden. Dabei ist gegen den Einsatz für Gott, ich möchte es noch einmal wiederholen, nichts zu sagen, wohl jedoch gegen die Verknüpfung mit den Wachtturm-Produkten. Die Vermischung geht soweit, daß jeder Zeuge Jehovas gerne und bereitwillig genaue Statistiken darüber führt und abliefert, wieviele Stunden er/sie für den Vertriebs-/Predigtdienst aufgewendet hat und wieviel Material dabei abgegeben wurde. Erfolge in den Jahresstatistiken werden gleichzeitig auch zu Erfolgen für die "Königreichsarbeit".
Bezeichnenderweise wird darin auch nicht die Gesamtzahl getaufter Zeugen Jehovas geführt, sondern die "Verkündigerzahlen".
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Die Verbreitung der Informationen ist erwünscht, jeglicher Abdruck
bedarf jedoch meiner ausdrücklichen Genehmigung.